Zehender: Die Antwort heißt CASE

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Vier Megatrends prägen die Zukunft der Mobilität. Mercedes-Benz Cars Einkauf & Lieferantenqualität beschäftigt sich intensiv mit diesen Trends. Ein Interview mit Bereichsvorstand Klaus Zehender.

Die vier CASE-Megatrends prägen die Zukunft der Mobilität: Vernetzung (Connected), Autonomes Fahren (Autonomous), flexible Nutzung (Shared & Services) und elektrische Antriebe (Electric). Klaus Zehender ist Mitglied des Bereichsvorstands Mercedes-Benz Cars, Einkauf & Lieferantenqualität. Sein Bereich beschäftigt sich mit diesen Trends bereits, lange bevor der Kunde diese im Fahrzeug erleben kann. Im Business Magazin „Top Career Guide Automotive“ ist ein Interview mit Klaus Zehender erschienen, im Daimler Supplier Magazine ist es nun erstmals auch online verfügbar.

Herr Dr. Zehender, Mercedes-Benz hat 2016 ein Rekordjahr hingelegt und hat sich vier Jahre früher als geplant an die Spitze im Premiumsegment gesetzt. Wie geht es weiter?

 

Zehender: Für Mercedes Benz war 2016 das erfolgreichste Jahr der Unternehmensgeschichte. Wir haben Bestwerte bei Absatz und Ergebnis erzielt. Gleichzeitig konnten wir überzeugende Innovationen in unseren Fahrzeugen etablieren, wie in der neuen E-Klasse, der intelligentesten Business-Limousine der Welt. Das Ergebnis ist kein Zufall, dafür haben wir alle hart gearbeitet. Unsere Verantwortung ist es, in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit unserem globalen Lieferantennetzwerk die steigenden Stückzahlen sicherzustellen. Es gilt aber auch, gemeinsam Innovationen zu entwickeln und das in bewährter Spitzenqualität.

 

Sie fragen, wie es weiter geht. Mobilität wird neu gedacht und die Megatrends haben allesamt das Potenzial, als disruptive Game-Changer unsere Industrie auf den Kopf zu stellen. Unsere Antwort darauf heißt CASE. Das ist eine neue, organisatorisch eigenständige Einheit, in der die Themen Connectivity, Autonomes Fahren, flexible Fahrzeugnutzung und Services sowie elektrische Antriebe intelligent verknüpft werden. Auch in meinem Bereich Einkauf & Lieferantenqualität haben wir uns auf diese vier Trends ausgerichtet. Ein wichtiger Meilenstein hierbei ist die neue Generation von Elektrofahrzeugen.

 

Mercedes-Benz deckt die gesamte Bandbreite an intelligenten Antriebstechnologien vom Verbrennungsmotor über Elektroantriebe bis hin zur Brennstoffzelle ab. Einkaufsseitig werden wir dafür unsere Stellhebel intelligent einsetzen und die Vergaben für die Zukunftstechnologien möglichst flexibel gestalten. So stellen wir sicher, dass beispielsweise immer die neueste Generation von Displays im Fahrzeug verbaut ist. Darüber hinaus suchen wir gezielt neue Partner aus den Bereichen Consumer Electronics und IT.

 

 

Welche Veränderungen gibt es durch den Einsatz von neuen Komponenten wie Software und Dienstleistungen auf dem Weg zum Autonomen Fahren?

 

Zehender: Autonomes Fahren wird die individuelle Mobilität revolutionieren. Wir werden künftig in autonomen Fahrzeugen unserer Arbeit nachgehen, mit anderen kommunizieren oder einfach nur ausspannen. Dafür kaufen wir nicht mehr ausschließlich Produktionsmaterial ein, sondern auch Daten oder Software wie zum Beispiel Kartenmaterial von HERE oder Fahrzeug-Apps wie den Remote-Park-Assistenten. Sie sehen, innovative, neue Player sind gefragt. Gemeinsam mit der Entwicklung sichten wir interessante Unternehmen und besuchen zum Trendscouting Messen wie zum Beispiel die CES in Las Vegas. Unser Anspruch ist es, Trendthemen aktiv voranzutreiben. Wir setzen hier auf Innovationscouting.

 

Neben der organisatorischen Ausrichtung haben wir in Einkauf und Lieferantenqualität zudem neue Methoden und Fähigkeiten entwickelt, insbesondere mit Blick auf die digitalen Inhalte. Im Software-Bereich entwickeln wir Projekte evolutionär. Bekannte Consumer-Marken mit ihren schnellen Innovations- und Updatezyklen haben hier die Messlatte definitiv hoch gelegt.

 

Wir gehen weg von zeitaufwendigen Neuentwicklungen von Apps hin zu einer Aufwertung bestehender Produkte in Form von Software-Updates. Unsere Kunden können dann beispielsweise Kartenupdates für das Navi ohne Werkstattaufenthalt „Over the Air“ ins Fahrzeug aufgespielt bekommen. Unsere Herausforderung ist es, dabei deutlich kürzere Reifegradprozesse abzusichern. Damit das reibungslos gelingt, haben wir beispielsweise einen Methodenkoffer zur präventiven Absicherung von Software-Vergabeumfängen entwickelt.

 

Wie verändert sich die Lieferantenlandschaft, welche neuen Player sind hinzugekommen?

 

Zehender: Das Lieferantenumfeld befindet sich im Wandel, das spüren wir deutlich. Fahrzeuge entwickeln sich immer mehr vom reinen Fortbewegungsmittel zur Kommunikationszentrale. Gerade hat Tencent beim Daimler Supplier Award den Special Award „Innovation“ für die Integration von WeChat ins Fahrzeug in China er halten. WeChat ist das chinesische WhatsApp. Klar ist, dass die Kunden sich an die Schnelllebigkeit im Consumer-Bereich gewöhnt haben. Es ist schon fast die Regel, sich alle ein bis zwei Jahre ein neues Smartphone mit neuen Features zu kaufen. Die schnelle Entwicklung von Produktzyklen, neuen Märkten, lokal unterschiedlichen rechtlichen Anforderungen und das Thema Datenmanagement fordern uns – ebenso die Lieferanten. Gefragt sind neben hoher Flexibilität insbesondere auch Lösungsorientierung und Innovationsbereitschaft.

 

Für langjährige Zulieferpartnerschaften kommt es entscheidend darauf an, das Thema Softwareentwicklung und Softwareintegration als Kernkompetenz zu stärken. Neben den gewachsenen Zulieferpartnerschaften haben wir natürlich auch völlig neue Player an Bord. Diese kommen aus der IT-Branche, Internetindustrie und Consumer Electronics. Die Tech-Giganten sind natürlich vor allem aus Sicht der Young Professionals coole Arbeitgeber. Viele dieser neuen, branchenfremden Wettbewerber drängen in den Automobilmarkt. Das zeigt doch, wie attraktiv unsere Branche ist. Im Bereich Einkauf und Lieferantenqualität brauchen wir heute Ingenieure ebenso wie IT-Spezialisten. Bei uns haben sie die Möglichkeit, beides zu vereinen, und ganz nebenbei bieten wir 130 Jahre Erfahrung im Automobilbau.

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Wie stellt Mercedes-Benz die Qualität in diesem dynamischen Umfeld mit neuen Lieferanten aus anderen Industrien sicher?

 

Zehender: Neue Partner führen wir an unsere hohen Produkt-, Prozess- und Qualitätsanforderungen heran und beraten sie dabei kontinuierlich. Im Automotive-Bereich sind diese Anforderungen deutlich höher als in der Unterhaltungselektronik. Das Display Ihres Smartphones muss zum Beispiel Temperaturen bis rund +35 Grad Celsius aushalten. Im Fahrzeug werden demselben Display -40 bis +85 Grad Celsius abverlangt. Ein weiterer, wichtiger Aspekt ist die Dauerhaltbarkeit. Ein Display kann man im Gegensatz zu einem Smartphone nicht einfach jedes Jahr oder alle zwei Jahre austauschen. Natürlich fordern wir auch hier eine hundertprozentige Daten- und Funktionssicherheit ohne Fehlertoleranz. Im Markt müssen die Systeme laufen – und zwar weltweit und rund um die Uhr. Dafür sind unsere Qualitätsingenieure bei den Lieferanten international aktiv.

 

 

Wie sieht der Lieferantenmanager der Zukunft aus? Welche Qualifikationen und Talente wünschen Sie sich von Ihren Mitarbeitern?

 

Zehender: Wir sehen die Digitalisierung als große Chance. Im Zeitalter der zunehmenden Vernetzung sind Fachkräfte sehr gefragt und besonders die Weiterbildung der Mitarbeiter nimmt einen hohen Stellenwert ein. Wir bauen unser Know-how kontinuierlich aus und suchen mit unterschiedlichen Initiativen wie beispielsweise Recruiting Days früh das Gespräch mit jungen Talenten, um sie für uns zu gewinnen. Insbesondere im Bereich Elektrik/Elektronik brauchen wir Experten mit entsprechenden Skills. Hier sind neben den klassischen betriebs- und ingenieurswissenschaftlichen Qualifikationen auch IT-Kenntnisse gefragt.

 

 

Wir haben über die Antriebe der Zukunft gesprochen. Was treibt Sie jeden Tag persönlich an?

 

Zehender: Gerade durch die Themen Connectivity, Autonomes Fahren, Shared & Services und Elektromobilität erhöht sich auch der Gestaltungsspielraum. Gleichzeitig haben wir die Chance, durch die Zusammenarbeit mit Startups und neuen Playern unsere Organisationsstruktur zu reflektieren. Damit werden wir agiler und flexibler. Guter Teamspirit und eine lockere Arbeitsatmosphäre sind mir enorm wichtig und schaffen die beste Voraussetzung in der neuen Ära der Mobilität vorauszufahren.

 

Was ich an meinem Job so schätze, ist die Vielfalt der Aktivitäten, vermehrt auch im asiatischen Raum. Spannend ist dabei für mich besonders, dass die Internetindustrie eine immer größere Rolle spielt. Ebenso spannend ist auf der anderen Seite unser bestehendes Lieferantennetzwerk, das sich Schritt für Schritt neu ausrichtet. Heute verhandle ich über die App zum Remote-Park-Assistenten, morgen führe ich einen intensiven Technologieaustausch zu einer neuen Generation von Batteriezellen, übermorgen reise ich nach Peking zu einer Preisverleihung mit chinesischen Lieferanten. Unterm Strich lässt sich sagen, dass die Vielfalt der Tätigkeiten in Kombination mit unseren innovativen Produkten meine tägliche Energiequelle ist.

 

Das Interview ist erschienen im Top Career Guide Automotive 2017 / 13. Jahrgang.

Datum:
06.04.2017
Autor:
Top Career Guide Automotive
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