Tüftelnde Schwaben braucht die Welt

Handtmann

Schwaben gelten als sparsam und ehrlich. Aber auch als innovativ. Die Handtmann Unternehmensgruppe in Biberach hat sich diese Werte in ihr Leitbild geschrieben. Was ist das Geheimnis der fast 30-jährigen Partnerschaft mit Daimler?

„Am liebsten bin ich in der Gießerei“, antwortet der 88-jährige Arthur Handtmann ohne zu zögern auf die Frage nach seinem Lieblingsplatz im Betrieb. In einem Alter, in dem viele bereits ihr 25-jähriges Rentenjubiläum feiern, ist Arthur Handtmann immer noch beruflich aktiv: Als Vorsitzender des Beirats der Handtmann Unternehmensgruppe im schwäbischen Biberach. Sein Großvater, ein Glockengießer, hatte 1873 die Firma gegründet. Als Messinggießerei.

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Senior-Chef Arthur Handtmann stellt Klaus Zehender sein Unternehmen vor.

Heute ist Handtmann Spezialist für Aluminum- und Magnesiumguss, fertigt aber auch Armaturen für Brauereien, Kunststoffrollen für Seilbahnen und Fräsmaschinen für den Flugzeugbau. Und es geht um die Wurst: Handtmann hat eine elektronische Portioniermaschine entwickelt, die in der Minute bis zu 3000 Cocktailwürstchen pressen kann. Mit dem „rasenden Wurstkatapult“ gelang der Sprung an die Weltspitze auf dem Markt für industrielle Wurstmaschinen. Trotz der mittlerweile über 3500 Mitarbeiter ist Handtmann ein Familienunternehmen geblieben. In der vierten Generation. „Man spürt das. Es geht immer um den Inhalt“, lobt Klaus Zehender, Bereichsvorstand Mercedes-Benz Cars Procurement & Supplier Quality (MP), die Zusammenarbeit. Seit 1987 beliefert Handtmann den Daimler-Konzern. Waren es am Anfang nur Motorträger, so wurden in den Folgejahren immer mehr Aufträge nach Biberach vergeben. Ölwannen, Hinterachsgehäuse, Laderaummulden.

Wir brauchen die schwäbischen Tüftler, die sorgen für Innovation. Und wenn der Schwabe was macht, dann macht er etwas Rechtes, das bürgt für Qualität.

Dr. Klaus Zehender, Bereichsvorstand Mercedes-Benz Cars Procurement & Supplier Quality (MP)

In Kürze startet die Produktion des Magnesium-Gehäuses für das 9-Gang-Automatikgetriebe. „Wir würden ohne Daimler nicht da stehen, wo wir jetzt sind“, bewertet Arthur Handtmann die Zusammenarbeit. „Diese Partnerschaft zeichnet sich durch Vertrauen aus.“ Partnerschaft ist für MP einer der drei Stellhebel des Erfolges. Wenn sich noch Innovation und Spitzenqualität dazu gesellen, dann ist das die Basis für eine langfristige Zusammenarbeit.

Banken stehen Schlange

„Die Banken streiten sich darum, uns Geld geben zu dürfen.“ So beschreibt Arthur Handtmann die Situation bei anstehenden Investitionen. Trotzdem hat der rüstige Senior ein eher distanziertes Verhältnis zu den Banken. Der Grund dafür ist in seiner Anfangszeit als Unternehmenslenker zu finden: Die beiden älteren Brüder im Zweiten Weltkrieg gefallen. Er mit gerade mal 18 Jahren aus der Gefangenschaft entlassen. Im väterlichen Betrieb musste er überall aushelfen. Gießen, drehen, Material organisieren. Zwei Jahre später bekam er vom herzkranken Vater die Firmenleitung übertragen. Mit den damals 20 Mitarbeitern wollte er expandieren, benötigte Kredit. Doch die oberschwäbischen Banken verhielten sich sehr zurückhaltend gegenüber dem jungen Mann. Auch wenn sich das heute grundlegend geändert hat und die Banken Schlange stehen, für Handtmann gibt es kein Wachstum um jeden Preis: „Investitionen müssen immer im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten bleiben.“

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Das MP-Team in der Produktion von Handtmann.

Schwäbische Tugenden für alle

Gleich und Gleich gesellt sich gern. Der Weltkonzern aus Stuttgart und das Familienunternehmen aus Oberschwaben arbeiten erfolgreich zusammen. Ist die gemeinsame schwäbische Mentalität ein Grund dafür? Klaus Zehender, selbst gebürtiger Schwabe, bringt es auf den Punkt: „Wir brauchen die schwäbischen Tüftler, die sorgen für Innovation. Und wenn der Schwabe was macht, dann macht er etwas Rechtes, das bürgt für Qualität“. Warum nicht auch diese Tugenden in die weite Welt hinaustragen? „Wir wollen, dass unsere Zulieferer ihre Qualität in allen Regionen der Welt zur Verfügung stellen“, so Zehender. „Unsere Partner haben damit exzellente Möglichkeiten, gemeinsam mit uns zu wachsen“. Die Handtmann Gruppe hat ihren Aktionsradius bereits in den vergangen Jahrzehnten weit über das beschauliche Biberach an der Riß hinaus ausgeweitet. Unter anderem existieren Auslandsgesellschaften in Brasilien, USA und Russland. Potential für den Ausbau der Partnerschaft bietet der neue Standort in China. Ende 2014 hat Handtmann in Tianjin eine hochmoderne Aluminium-Gießerei in Betrieb genommen. Jahreskapazität: Zwei Millionen Kupplungs- und Getriebegehäuse. Auch in China ist eine Zusammenarbeit beider Häuser denkbar, schließlich werden am Standort Peking im Daimler-Joint Venture BBAC (Beijing Benz Automotive Co., Ltd.) seit 2013 auch Motoren lokal produziert. Arthur Handtmann: „Von unserer Gießerei sind es nur 150 Kilometer nach Peking…“

Datum:
20.01.2016
Autor:
Rasmus Muttscheller
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