Am Anfang war die Zigarre

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Dicke Luft und blauer Dunst. Zigarrenrauchen war vor 90 Jahren salonfähig. Doch heute weht ein anderer Wind. Auch bei der Dr. Schneider Unternehmensgruppe. Heute ist man als Automobilzulieferer Spezialist für Belüftungssysteme. Dafür gab es nun den Daimler Supplier Award.

Er war bei der Verleihung des Daimler Supplier Award der Gewinner mit dem strahlendsten Lächeln. Dafür hätte es eigentlich noch einen Sonderpreis geben müssen. Parag Shah, Vorsitzender der Geschäftsführung der Dr. Schneider Unternehmensgruppe: „Wir sind unheimlich stolz. Den Daimler Supplier Award für Innovation zu bekommen, ist, wie bei der Oscar-Verleihung für den besten Film ausgezeichnet zu werden.“ Den Award gab es für den hohen Innovationsstandard von Dr. Schneider bei Belüftungsdüsen.

Bei der Unternehmensgründung vor 90 Jahren ging es bei Dr. Schneider um alles andere als um frischen Wind. In den Gaststuben der Wirtshäuser konnte man damals kaum von der Tür bis zum Fenster schauen. Dicke Rauschwaden standen im Raum. Denn zu Bier oder Wein gehörte sie einfach dazu, die Zigarre. Gute Zeiten für Zigarrenproduzenten, auch in Deutschland. In Kronach in Oberfranken gründete Franz Schneider senior 1927 eine Zigarrenmanufaktur. Mit seinen 17 Mitarbeitern verarbeitete er Tabak aus Borneo, Java und Sumatra. Die feinen Zigarren aus dem Frankenwald wurden in ganz Deutschland geraucht. Knapp zehn Jahre später stellte Schneider sein kleines Unternehmen auf ein zweites Standbein: Kunststoffverarbeitung. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts waren Gebrauchsgegenstände allesamt aus Naturmaterialien. Metall, Holz, Wolle. Mit dem 1905 erfundenen Bakelit konnte erstmals ein vollsynthetischer Kunststoff industriell produziert werden. Vorteil: Bakelit lässt sich in Formen pressen und ist nach dem Aushärten widerstandsfähig gegen Hitze und Säuren. Die erste Kunststoffpresserei entstand 1936 im Wohnhaus der Familie Schneider. Hergestellt wurden Flaschenverschlüsse, elektrische Schalter und Aschenbecher.

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Die alte Presserei: Hier wurde der Grundstein für die Kunststoffkompetenz gelegt.

1955 war Schluss für die „Schneider-Stumpen“. Dr. Franz Schneider, der Sohn des Firmengründers, trat in die Firma ein und stellte die Weichen neu: Aschenbecher statt Zigarren. Das kleine Unternehmen konzentrierte sich nur noch auf die Kunststoffverarbeitung. Ein Jahr später knüpfte Schneider junior Kontakte zur Automobilindustrie. Zu den ersten Kunden gehörte die Daimler AG. Der Einstieg als Automobilzulieferer gelang mit einem Produkt, mit dem man Erfahrung hatte: Aschenbecher. Diese wurden nun nicht nur für Wirtshaustische gefertigt sondern auch für die Armaturenbretter der Autos.

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Produktion bei Dr. Schneider in den 1960er-Jahren.

Ein großer Nachteil für Dr. Schneider damals: Der Standort im sogenannten Zonenrandgebiet. Der Eiserne Vorhang, die Grenze zur damaligen DDR in Sichtweite, das Autobahnnetz in der Bundesrepublik Deutschland noch sehr überschaubar. Wenn man nicht über die kurvigen und engen Landstraßen nach Sindelfingen zum Mercedes-Benz Werk fahren wollte, musste man den Umweg über die Autobahn nach München nehmen. Die Distanz von über 500 Kilometern war alles andere als ein Katzensprung. Rauf auf die Schwäbische Alb und wieder runter, damals ein Härtetest für Motoren und Bremsen der Lastwagen. Diesen Standortnachteil musste Dr. Schneider wettmachen. Durch Spitzenqualität und innovative Produkte.

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Der erste „Luxusausströmer“ aus dem Jahre 1982.

Die Internationalisierung begann bei Dr. Schneider als die Welt noch kein Dorf war. Im Jahr 1973 wurde im spanischen Valencia eine Tochtergesellschaft gegründet. Das hochdynamische Wachstum auf den internationalen Märkten begann aber erst mit der Öffnung der Grenzen nach Osteuropa. Neben Werken in Polen und der Slowakei kamen auch Standorte in Brasilien, USA und China dazu. Internationale Ausrichtung auf der einen Seite, Bodenständigkeit auf der anderen. In den 1990er-Jahren stiegen die beiden Töchter von Dr. Franz Schneider in das Unternehmen ein. Die Zahl der Mitarbeiter hatte kurz zuvor die 1.000er-Marke übersprungen. 2001 wurden die Dr. Schneider-Werke unter eine Familienholding gestellt und die Gesellschaftsanteile an Annette Schneider und Sylvia Schmidt übertragen. Seither wird die Dr. Schneider Unternehmensgruppe in der dritten Generation geführt.

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Die Unternehmenszentrale in Kronach-Neuses.

Wo steht die Dr. Schneider Unternehmensgruppe heute? Automobilzulieferer mit über 3.900 Mitarbeitern an sieben eigenen Standorten. Weltmarktführer für Belüftungssysteme und Fensterrahmenverkleidungen. Eigene Entwicklungsabteilung, eigener Werkzeugbau, Kompetenzzentrum für hochwertige Oberflächenveredelungen. Gewinner des Daimler Supplier Award in der Kategorie „Innovation“. Wo geht es hin? Dr. Schneider will seine Kunststoffprodukte intelligent machen. Bedeutet: Die Belüftung im Auto soll künftig nicht mehr über Schalter und Tasten gesteuert werden, sondern mit Gesten und Sprache. Selbst gestecktes Ziel: „Das Auto zum besten Ort der Welt machen.“

Datum:
10.08.2017
Autor:
Rasmus Muttscheller
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